Unter dem Motto „Kein Schlussstrich!“ haben sich 2021 Träger in 15 Städten zu einem bundesweiten Theaterprojekt zum Thema NSU-Komplex zusammengeschlossen. Ziel war es Inszenierungen, Ausstellungen, Konzerte und musikalische Interventionen im öffentlichen Raum, Lesungen, Diskussionen, Workshops u.v.m. umzusetzen. Die vielfältigen Formate sollten die Perspektiven der Betroffenen und ihrer Angehörigen und die Perspektiven (post-)migrantischen Communities in die Öffentlichkeit bringen und zur Auseinandersetzung mit dem institutionellen und strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft anregen.

Als Teil des Kooperationsnetzes in Rostock, das durch das Volkstheater Rostock initiiert wurde, zeigte Soziale Bildung e.V. die Ausstellung „Offener Prozess“ in Kombination mit der Ausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ an zwei Orten.

In der Zeit vom 18.10.2021 bis zum 31.10.2021 gastierten die Ausstellungen zunächst im Zukunftsladen „STERN.macht.PLATZ“ in Toitenwinkel, in der Nähe des Ortes, an dem Mehmet Turgut im Februar 2004 durch den NSU ermordet wurde. Danach wurden die Ausstellungen in der Zeit vom 01.11.2021 bis 14.11.2021 im Bildungs- und Kulturzentrum Peter-Weiss-Haus gezeigt.

In Kooperation mit dem Arbeitskreis Deutscher Bildungsstätten wurden im Rahmen des Jahresthemas „Was WEISS ich? Rassismuskritisch denken lernen!“ für schulische und außerschulische Gruppen Ausstellungsbegleitungen in Form von Projekttagen konzipiert und angeboten.

Die übergeordneten Lernziele der Projekttage waren das Kennenlernen von Betroffenenperspektiven in der Auseinandersetzung mit rechter Gewalt und das Erkennen historischer Kontinuitäten in der Verbindung von rechter Gewalt und institutionellen Rassismus.

In den Projekttagen machten sich Teilnehmende vertraut mit verschiedenen Dimensionen des NSU-Komplex: der Rollen von staatlichen Sicherheitsorganen und der rechten Szene, der Bedeutung des gesellschaftlichen Schweigens und dem Einfluss von rassistischer Berichterstattung sowie der Unabgeschlossenheit der Aufarbeitung der rassistischen Mord- und Anschlagsserie.

Zentral war dabei auch der lokale Bezug zu dem Wohnort der Teilnehmenden und dem Ort, an dem Mehmet Turgut ermordet wurde. Vor diesem Hintergrund beschäftigten sich die Teilnehmenden mit der Biografie Mehmet Turguts sowie den Perspektiven und Forderungen der Familie Turgut. Außerdem lernten sie die konfliktreiche Geschichte der städtischen Erinnerung an Mehmet Turgut kennen und entwarfen eigene Gedenkorte.

Mit insgesamt 7 Gruppen und 80 Teilnehmenden wurde in den Ausstellungen gearbeitet. Die Projekttage wurde für das Projekt neu konzipiert und erstmalig angeboten. Dabei konnte auf bereits publiziertes Material zur Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex in Rostock zurückgegriffen werden. In Zusammenarbeit mit freiberuflichen Bildungsreferent*innen wurden die Durchführungen umgesetzt und das Konzept kontinuierlich überarbeitet und angepasst.

Es zeigte sich, dass der lokale Bezug und der Fokus auf die Biografie von Mehmet Turgut und den Forderungen der Angehörigen didaktisch sinnvoll waren. Auch die Thematisierung von Erinnerung in Rostock hat hier gepasst. Einige Teilnehmende konnten z.B. nach den Projekttagen den Gedenkort an Mehmet Turgut (Betonbänke zwischen Toitenwinkel und Dierkow) das erste Mal deuten. Auch die Aktivierung, in Kleingruppeneigene Erinnerungsorten am Ende der Projekttage zu entwerfen, hat gute Diskussionen und Auseinandersetzungsprozesse initiiert.

Jenseits dessen haben sich aber auch didaktische und inhaltliche Fragen und Herausforderungen eröffnet, die weiter im Träger erörtert werden und zu denen es interessant wäre, sich mit anderen Akteur*inne der historisch-politische Bildung auseinanderzusetzen.

Dennoch waren die Rückmeldungen der Teilnehmenden positiv und wertschätzend. Es wurde deutlich, dass es ein Interesse an dem Thema gibt und die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex viele Potentiale für macht- und rassismuskritische Bildungsarbeit bietet, in der Räume und Anlässe für das Lernen neuer und das Verlernen und Reflektieren bekannter Perspektiven gestaltet werden kann.

Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung von Soziale Bildung e.V. zur Verfügung gestellt.