Rückblickend auf die letzten sechs Jahre innerhalb der Projektgruppe „Globalisierung und Medienkommunikation“ im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten haben wir für den Jahresbericht auf unsere Arbeit zurück geblickt und dies in den einzelnen Einrichtungen resümiert. Im Folgenden ist als Auszug aus dem (derzeit in Endredaktion befindlichen) Jahresbericht beispielhaft am Projekt MyMusic erläutert, wie im ABC Bildungs- und Tagungszentrum e.V. gearbeitet wurde und wie dort Projekte nachhaltig ineinander gegriffen haben.

Nach dem u.a. mit dem Integrationspreis der Niedersächsischen Lotto Sport Stiftung ausgezeichneten Projekt „Hotel California“ stand fest: die gemeinsame Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen und in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen an der Schnittstelle von politischer und kultureller Jugendbildung bietet viel Potential für partizipative Ziele, kreatives Arbeiten und das Zusammenbringen heterogener Zielgruppen und soll daher im ABC weiter ausgebaut werden. In dem Projekt MyMusic (mit Vorlaufphase Ende 2014) wurde im Frühjahr 2015 Musik und später auch Theater als Methode und Vehikel genutzt, um gesellschaftlich relevante Themen zu bearbeiten und politische Bildung zu vermitteln.

Zeitleiste zu Projekten im ABC zwischen 2011 und 2016

Musik war und ist eines der frühesten Beispiele von Medienkommunikation, eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Menschen und Kulturen. Es ist ein uraltes Grundbedürfnis der Menschen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

So war MyMusic als Projekt mit jungen Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte konzipiert, die an einem außerschulischen Lernort zusammen kamen, um zu diskutieren, aber auch um eigene Perspektiven auf globalisierungsbezogene Themen wie Flucht, Toleranz, Rassismus und Umgang mit Heterogenität in Musiktexten und (Forums)Theater-Übungen auszudrücken. In zehn Tagen erarbeiten knapp 30 junge Menschen gemeinsam ein Konzeptalbum und ein Theaterwerk, dass im Februar zu einem kompletten Musiktheaterstück unter dem Titel „Moonstock“ fusioniert wurde. Dabei wurden sie von einem professionellen Team aus politischen Bildner_innen, Musiker_innen und Theaterpädagog_innen unterstützt.

Die niedrigschwellige Arbeit mit dem Medium Ton und Musik und die kreative Möglichkeit seine eigene Rolle durch Schauspiel ein Stück weit zu verlassen, boten den Teilnehmenden die Gelegenheit trotz verschiedener kultureller, religiöser und sprachlicher Hintergründe und Vorkenntnisse an dem Seminar zu partizipieren. Selbst bei scheinbar eher kulturpädagogischen Elementen des politischen Bildungsprojektes MyMusic zeigte sich, wie gesellschaftlich relevant und politisch konnotiert dies sein kann. In der Gruppe gab es aufgrund der kulturellen Differenzen unterschiedliche Zugänge zu Musik und eine andere Vorstellung, wie sich ein fertiges Lied anhören soll. Musik und die Arbeit an den Songs war im Seminarkonzept als niedrigschwellige Methode konzipiert um sich mit explizit politischen, aber lebensweltbezogenen Themen auseinanderzusetzen: Migration, Alltagsrassismus, Integration, Machtverhältnisse und Selbstermächtigung und (mediale) Partizipation.

Durch verschiedene gruppendynamische Übungen aus dem Improvisationstheater wurde das Gruppengefühl gestärkt, so dass sich in dieser kurzen Zeit tatsächlich ein starkes „Wir“ – Gefühl bildete. Jeder hatte dabei die Möglichkeit seine Ideen und Fähigkeiten einfließen zu lassen, und wurde von den anderen darin unterstützt und bestärkt. Vor allem durch die entstandene Gruppendynamik zeigten sich alle Teilnehmenden hoch motiviert, so dass sehr erfolgreich eine kleine Werkschau im Herbst gezeigt werden konnte, die viel positives Feedback bekommen hat. Auch zu Politik und Gesellschaft fanden durchgehend in den Arbeitseinheiten spannende Diskussionen über den Tellerrand des Stückes hinaus statt (zum Beispiel zu Fluchtgründen, „Willkommenskultur“, Bedeutung von Religion für Identität…).

Werkschaupremiere in Stade – Jugendliche begeistert auf der Bühne

Werkschaupremiere in Stade

Am Sonntag, dem 14. Februar, fand die lange vorbereitete und erwartete Werkschau von Moonstock in Stade statt. Was in Hüll noch in den Anfängen steckte, hatte sich jetzt zu einem veritablen Musiktheater entwickelt. Die Aufführung selber war mit ca. 100 Besucherinnen und Besuchern aus der ganzen Welt gut besucht und das Publikum zollte den „Moonstocker_innen” und ihren Macher_innen Respekt mit einem riesigen Applaus. Er empowerte die Teilnehmenden, die auch in der Online-Reflexion nach Seminarende angaben, dass ihnen die Arbeit im Workshop hilft, sich gesellschaftlich und politisch zu artikulieren und auch im Alltag freier zu sprechen.

Das Musiktheaterstück, bot anschließend die Grundlage für ein Publikumsgespräch, das ebenso lang wie das eigentliche Stück (jeweils ca. 40 Minuten) war. Die Teilnehmenden hatten auf Rückfragen der Zuschauenden hier Gelegenheit ihre Sichtweisen auf Fluchtursachen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Zivilcourage zu äußern. Neben den Diskussionen nach der Aufführung, wie während der Seminarphasen, war das „auf-der-Bühne-stehen“ ein wesentlicher Bestandteil des Empowerment der Teilnehmenden, die auch in der Online-Reflexion nach Seminarende angaben, dass ihnen die Arbeit im Projekt half, sich gesellschaftlich und politisch zu artikulieren und freier zu sprechen.

Im Anschluss an MyMusic wurde im Sommer 2016 mit dem Dreharbeiten zu „BIG EARTH“ begonnen – einem in ein politisches Bildungsprogramm eingebettetes Volllängenspielfilmprojekt mit Jugendlichen. Es baut inhaltlich unmittelbar an Hotel California und MyMusic an. Die erfolgreiche Kooperation mit DirectorsCut.ch und der Hüller Medienwerkstatt e.V. wurde dabei fortgesetzt.

Teile von MyMusic liefen u.a. im Rahmen des Projekts MitMischen vom Paritätischen Jugendwerk Niedersachsen (PJW). Hier entstand auch diese filmische Dokumentation:

Mit Mischen Moonstock Einzeldoku from ABC Bildungs- und Tagungszentrum on Vimeo.

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